Bericht - Lyrikpreis München

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Bericht

2017
 


Eine Blackbox voller Gedichte

Bericht zum Lyrikpreis München 2017
von Karin Fellner



Der Abendhimmel wartete mit Flamingowölkchen auf, während das Publikum im schwarzen Bühnenraum des HochX auf ganz Anderes wartete: auf die Wettbewerbslesung um den – vom Literatur-vermittler Kristian Kühn organisierten – Lyrikpreis München 2017. Zu diesem waren die DichterInnen Ruxandra Chişe, Dirk Uwe Hansen, Nancy Hünger, David Krause und Saskia Warzecha angereist.

Das Wasser im Glas auf dem Lesetischchen vibrierte, die Juror-Innen Birgit Kreipe, Swantje Lichtenstein und José F.A. Oliver hatten vor Laptops und Textblättern Platz genommen.
    In seiner Anmoderation betonte Àxel Sanjosé noch einmal das dem Wettbewerb eigene und einzigartige Prinzip des Dialogs: Statt schweigend die Beurteilung abzuwarten, sprechen die AutorInnen mit der Jury über ihre Texte. Auch das Publikum wurde ermuntert, sich an den Gesprächen zu beteiligen. Einzig bei der „Debatte um den Sieger“, so Sanjosé, bestehe für die Zuschauer „keine Partizipationsmöglichkeit“.


 
 
 










v.l.n.r.
Swantje Lichtenstein,
José F.A. Oliver,
Birgit Kreipe

 


Als Erste betrat die 1987 geborene Autorin Saskia Warzecha die Bühne, um aus ihrem Zyklus „Approximanten“ zu lesen.
    Die in den Gedichten entfaltete Poetik – näher ich mich den gegenständen unruhig an – wurde von den JurorInnen mehr-fach benannt: Birgit Kreipe sprach von der „Wachheit“ und „Nervosität“ der Texte und fühlte sich an Rilkes Verse erinnert: „daß wir nicht sehr verläßlich zu Haus sind / in der gedeuteten Welt.“ Swantje Lichtenstein bescheinigte den Gedichten und ihren schwebstoffen eine „sanfte Unruhe“ wie von „flockender Milch“.
    Die Spannung im Zyklus entstehe zwischen Traum und Realität, es gehe letztlich darum, „aus welcher Position Welt wahrgenommen wird“, merkte José F.A. Oliver an. Schon zuvor waren zwei Positionen in den Gedichten ausgemacht worden: der Zugriff der Logik und eine eher tastenden Weltwahrnehmung: und alles, was ich erfahre, schwärmt immer aus.
    Die Autorin selbst betonte im Gespräch, wie wichtig ihr die „Gegenläufigkeit“ und „Reibung“ der Stimmen sei. Die Ordnungsversuche, die Suchbewegungen sollten gleichzeitig von zwei Seiten ausgehen.


 
 
 













Saskia Warzecha

 


Auf einer Leinwand konnte das Publikum – wie bei allen folgenden Vorträgen – die Gedichte mitlesen und erhielt so einen Eindruck von deren Form. Gefragt nach der Funktion des gewählten Blocksatzes, erklärte die Dichterin, Zeilenumbrüche hätten den Zyklus und seine Stimmenvielfalt zu stark beun-ruhigen können. Dass allen Weltwahrnehmungsmodellen ein Schei-tern eingeschrieben ist – auch davon sprechen Warzechas Gedichte: ich habe immer genau das gemeint, was hier kapitu-liert.

Loszettel in gelben Plastikkapseln hatten die Teilnehmer-reihenfolge im Vorfeld bestimmt. Das Losschicksal wollte es, dass vor der Pause alle Dichterinnen, danach ihre männlichen Kollegen lasen.

So stellte als Zweite die 1980 geborene Ruxandra Chişe ihre von Bildern und Personifikationen getragenen Gedichte vor: Dem Tag legt man ein weißes Hemd über die Schultern ...
    In Resonanz auf diese Bildlichkeit stellte José F.A. Oliver die Frage, inwieweit auch Metaphern aus anderen Traditionen, etwa aus der rumänischen, eingeflossen seien. Die Autorin erklärte, ihr Zugang zur „inneren Welt“, aus der sich die Gedichte speisten, sei ein anderer, seit sie auf Deutsch schreibe. Doch laufe sie möglicherweise geistig noch „in rumänischen Schuhen“.
    Dem Eindruck von „magischen Bildern“ aus einem anderen Sprachraum setzte Swantje Lichtenstein entgegen, sie erkenne hier eine deutsche Sprachtradition, die an Bachmann und Celan erinnere. Zusammengesetzte Nomen wie Sehnsuchtsschulter kamen ihr teils „nostalgisch“ vor und sie fragte die Autorin, ob und wann sie diese Tradition verlassen und „alleine losgehen“ wolle.


 
 
 













Ruxandra Chişe

 


Birgit Kreipe erkannte im Gedicht „Schärfentiefe“ eine Reihe von „Abwehrhandlungen“ gegen Angst und Einsamkeit: Wer schlaf-los ist […] schmiert sich einen toten Winkel ins Gesicht. Auf ihre Frage, wie das Pronomen „man“ damit zusammenhänge, erklärte die Dichterin, so könne sie eine Entfernung zum „Ich“ herstellen, es rücke einmal die eine, dann die andere Instanz in den Vordergrund, um den „Ich-Bruch“ zu zeigen.
    Auf die Publikumsfrage, wo hier die „Stadt als zweite Natur“ bliebe, wies Chişe darauf hin, dass Stadt wie Natur vorhanden seien, jedoch als ungemütliche Orte, verknüpft mit der Sehnsucht, „unabhängig vom Ort zu sein“.

Die 1981 geborene Autorin Nancy Hünger trat mit einem Zyklus an, der die Lyrik der amerikanischen Autorin C.D. Wright als Impuls und Bezugsraum setzte. Er beginnt mit der Frage: Hast du dir überlegt was […] es heißt jede Scham öffentlich zu tauschen …
    Die Jury zeigte sich beeindruckt vom rhythmischen Vortrag Hüngers, während aus dem Publikum später der Einwand kam, dieser riskiere es, die Zuhörer „einzulullen“. Die Autorin hob dagegen hervor, dass ihr das „Nahverhältnis von Musik und Text“ wichtig sei.

 
 
 













Nancy Hünger

 


Die Gedichte verhandeln die Möglichkeit eines (Dichter-)Lebens in und trotz existenzieller Not. Birgit Kreipe entdeckte auch religiöse Verweise – etwa unseren Laib Sprache – und fragte, ob die Auseinandersetzung mit einer „spirituell entleerten Welt“ eine Rolle gespielt habe. Dies sei, so die Autorin, nicht absichtsvoll geschehen, doch sehe sie eine religiöse Lesart als „Ermöglichungsraum“.
    Dass in den Texten die „ganz großen Themen“ zwischen „Alles und Nichts“ besprochen würden, konstatierte Swantje Lichtenstein und wollte wissen: „Ist das Gedicht der Ort für große Fragen“? Dies wurde von der Dichterin bejaht, Gedichte seien „großartige Behausungen“ gerade dafür.
    Er lese die Gedichte als „Trostgedichte“, meinte José F.A. Oliver, da sie dem Tod als „Grimassenschneider“ (I. Bachmann) die „Klarheit als eine Form des Widerstands“ entgegensetzten.
    Dazu aufgefordert, Verse zu kommentieren, in denen Gewalt thematisiert wird, erklärte Nancy Hünger, es gehe ihr um den „Dualismus von Unbehaustheit und Geborgenheit“, um einen Aus-druck für das „Angreifbarsein“.


Nach der Pause stellte David Krause, 1988 geboren, einen Zyklus vor, dessen zweisäulige Struktur er im Vorfeld erläu-terte. Rechts neben den eigenen Texten steht ein Auszug aus dem „längsten Wort der Welt“, einer Aminosäuresequenz: Methionylalanylthreonylserylarginyl…
    Wenn ich träume, fließt Wasser / Stufe für Stufe die Treppe hinab … so hebt das danebenstehende erste Gedicht an. Birgit Kreipe erkannte eine „poetische Genealogie über mehrere Generationen“, sie sah die thematisierte Doppelhelix auch in der „verschraubten Struktur“ von Motiven wie Erinnerung und Traum realisiert.
    José F.A. Oliver gefiel es, wie Krauses Gedichte das „Große ins Kleine“ holten. Sich Birgit Kreipe anschließend, fragte er, inwiefern dieser poetische Text das DNA-Wort wirklich benötige? Die Funktion der Form wurde zur zentralen Frage des Gesprächs.
    Swantje Lichtenstein zeigte sich überrascht, dass ihre Kollegen das Sprachmaterial des DNA-Worts beim Lesen „ausblenden“ könnten, und fragte den Autor ebenfalls, in welchem Verhältnis es zu seinen Texten stehe. Dieser nannte motivische Anknüpfungspunkte, etwa das „Wachstum“, aber auch sein Interesse an formaler Sprache sowie an der Ambivalenz zwischen Blockfließtext und Versumbruch.


 
 
 













David Krause

 


Die Formdiskussion wurde von einem Zuhörer aufgegriffen, der die Struktur „toll“ fand, weil sie der Sehgewohnheit von Internet-usern entspreche. Warum aber habe der Autor das „Erzählen“ in seinen Gedichten nicht noch öfter verlassen und beide Texte weiter verschachtelt?
    Krause strich zum Schluss noch einmal den ihm wichtigen Kontrast zwischen „Geformtem und Chaotischem“ sowie zwischen genetischer und historisch-familiärer Erinnerung als Struktur-element des Zyklus heraus.

Der 1963 geborene Dirk Uwe Hansen las als letzter Teilnehmer des Wettbewerbs. Sein Zyklus umkreist die kosmogonischen Vorstellungen vorsokratischer Denker. Die konzisen Gedichte nehmen etwa Bezug auf „thales“ und „heraklit“, aber auch auf weniger bekannte Philosophen wie „pherekydes“.
    José F.A. Oliver fand Gefallen an der Dynamik der Zeilenbrüche, etwa in den Versen: jede lüge ist be / vor man sie ausspricht wahr / haftiger tod. Er habe, gab er zu, einiges nachschlagen müssen, und fragte den Autor, wie viel Wissen die Gedichte voraussetzten. Die Texte „sehen voraussetzungsreich aus“, erwiderte dieser, man könne sie aber ohne Vorwissen lesen. Er habe sich etwa mit Heraklits Konzept von Wahrheit und Lüge auseinandergesetzt, aber immer auch eigene Überlegungen daran geknüpft.


 
 
 











Dirk Uwe Hansen
Fotos:
Ulrich Schäfer-Newiger

 


zeit ist der raum „unterschied“ / von erde und luft ist … – Die Knappheit der Texte entwickele eine „eigene Kraft“, so Birgit Kreipe, sie erinnere an Fragmente; die Gedichte seien wie „kleine Stelen“ oder „leuchtende Knoten“. Sie fragte den Dichter, ob er mit der Form auch auf die lückenhafte Überlieferungssituation anspiele. Hansen bestätigte, dass das Fragmentarische der überlieferten Texte ihn fasziniere und dass er versucht habe, auf die „Schönheit im Brüchigen“ mit eigener Sprache zu reagieren.
    Swantje Lichtenstein stellte fest, dass die Verse viel Wortmaterial der Vorsokratiker enthielten, und knüpfte daran die Frage, inwiefern es sich dabei um eine Aneignung oder Nachahmung handle. Der Dichter bezeichnete sein Vorgehen daraufhin als „eine Art Rettungsversuch“ von „Gedanken mit Kontinuität“.

Der Abend näherte sich dem entscheidenden Augenblick. Vom Moderator wurde der Jury eine Rauchpause von zwei Minuten bewilligt.
    José F.A. Oliver begann den letzten Part der Veranstaltung mit der Erklärung, die JurorInnen seien nicht durch den Vortrag der TeilnehmerInnen, sondern durch die ihnen schon im Vorfeld bekannten Texte zu ihrer Entscheidung gelangt.
    Swantje Lichtenstein ergänzte, sie hätten sich entschlos-sen, den Preis zu teilen. Alle JurorInnen betonten, wie „eng das Feld“ zusammengelegen habe.
    Birgit Kreipe rief mit wenigen Worten noch einmal in Erinnerung, was das Publikum heute gehört hatte: von Nancy Hünger einen „radikalen Text“ zu großen Fragen, von Dirk Uwe Hansen „voraussetzungsreiche“ Gedichte, von David Krause einen vielstimmig-komplexen, „virtuosen“ Zyklus, von Ruxandra Chişe einen Text, der bildreich „imaginiert“ sei, und von Saskia Warzecha eine „hochinteressante Poetik der Unruhe“.
    Swantje Lichtenstein fasste die Kriterien für die Auswahl der Gewinner folgendermaßen zusammen: Es seien jene Beiträge ausgesucht worden, die ebenso „avanciert und sprachreflek-tiert“ wie „eigenständig und hochkonzentriert“ seien. Auch das Kriterium des „Zeitgenössischen“, inwieweit ein „poetisches Referenzsystem“ ins 21. Jahrhundert übersetzt worden sei, habe eine Rolle gespielt.
    Saskia Warzecha und David Krause wurden als Wettbewerbs-sieger gekürt. Die Teilung des Preisgeldes auf offener Bühne arrangierte der Moderator des Abends, Àxel Sanjosé, unauf-geregt und humorvoll. Die 1000 Euro Preisgeld waren vom Signaturen-Magazin gestiftet worden.
    David Krause und Saskia Warzecha bedankten sich im Anschluss bei der Jury für die „genaue Auseinandersetzung mit den Texten“.


 
 
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