Bericht - Lyrikpreis München

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Archiv > 2013 > 2. Lesung 13.09.13



DER ZWEITE ABEND DES VIERTEN DURCHLAUFES AM 13.SEPTEMBER 2013



Etwa 30 Gäste hatten sich bei abgekühlter Witterung im Münchner Literaturbüro versammelt, um der zweiten Vorentscheidung des Münchner Lyrikpreises 2013/14 zuzuhören.
Nach einer kurzen Einführungsrede von Kristian Kühn stellte die Moderatorin Christel Steigenberger die vier Juroren vor: Bettina Hohoff, die Herausgeberin der Neuen Sirene, Florian Voß, Lyriker und Verleger der Lyrikedition 2000, Carl Christian Elze, Sieger des Lyrikpreises München 2010, sowie Àxel Sanjosé, Lyriker und Lehrbeauftragter der Universität München.
Die Reihenfolge, in der die sechs eingeladenen Dichter lasen, war bereits vorher im nahegelegenen „Molly Malones“, dem Treffpunkt der Beteiligten, ermittelt worden.

Die 31jährige Marlen Pelny aus Berlin las ruhig und mit freundlicher Stimme: „wir drehen uns am Fenster / mit deinen Füßen auf dem Weg zu mir / das Licht in unseren Haaren / ist weiß, wie das Papier / auf dem wir stehen bleiben“. Àxel Sanjosé wies darauf hin, daß Pelnys Gedichte unmerklich von Reimen durchströmt seien. Dies lobte er, tadelte jedoch die Gefälligkeit, derer sich die Autorin beim Schreiben befleißige. Er habe sich gefragt, ob hier Kitsch geschrieben werde oder ob nicht doch Kitsch konterkariert werden solle. Für letzteres habe er jedoch zu wenig Signale gefunden. Florian Voß fügte an, es gebe keinen anderen Takt- oder Rhythmusgeber als den Reim. Die Gedichte blieben schon deshalb ein wenig unbefriedigend. Carl Christian Elze sprach von einem sehr konzentrierten Zyklus.

Marlen Pelny hört der Jury zu.

Dennoch müsse man sich fragen, was hier los sei. Das Fenster, an sich Sehnsuchtsmotiv, bleibe Wand. Er frage sich: was läuft hier schief? Möglicherweise handle es sich um ein Trauerspiel von zwei Menschen, die sich nicht trennen könnten. – Zum Schluß stellte ein Mann aus dem Publikum bei Marlen Pelnys Gedichten einen „wunderbaren Sprachfluß“ fest.


 
 
 

V.l.n.r.: Florian Voß, Àxel Sanjosé, Martin Piekar (verdeckt),
Carl-Christian Elze, Bettina Hohoff, Maren Kames, Birgit Kreipe,
Marlen Pelny, Odile Kennel (verdeckt), Manuela Bibrach,
Christel Steigenberger.

 

Als zweite Dichterin las Odile Kennel, die ebenfalls aus Berlin angereist kam. Die zweite Strophe ihres Salbeigedichts: „Ich denke du wenn ich nicht / Salbei denke, nicht denke / dass die Mauersegler dösen / in den höheren Schichten der Luft / während wir wach liegen am Fenster / ich denke du, während der bittere / und würzige Duft in deine und meine / Existenz dringt, von der er nichts weiß / und so entsteht ein existenzielles / Ungleichgewicht im Nachmittagslicht / denn wir wissen, wir wissen sehr genau / dass alle Zeit nur eine himmelwärts stürzende / Tasse ist oder ätherisches Öl, oder / eine Apparatur der Einsamkeit, vermutlich“. Florian Voß war fasziniert von den Gedichten. Man könne ihnen nachgerade beim Denken zusehen. Eine mäandernd suchende Bewegung beim Schreiben habe er mitzuerleben geglaubt.

Odile Kennel liest "wann war da ein Komet" ...

Carl Christian Elze setzte dem entgegen, daß Kennels Gedichte für ihn in zwei Hälften zerfallen seien. Die erste Hälfte sei eher narrativ, die zweite eher Klangkörper gewesen. Die narrativen hätten ihn berührt. Danach stellte Àxel Sanjosé vor allem heraus, daß eine Beziehung zwischen Ich und Du aquarellhaft gezeichnet werde. Bettina Hohoff fügte bei, daß moralische Gedichte nicht notwendig schlechter seien als solche, die nur darstellten.

Der nächste Dichter war der 23jährige Martin Piekar aus Bad Soden bei Frankfurt. Der Anfang des Gedichts „Du sagst trocknend mir was“: “Vom Glück abgehend / Darf man das mal kurzschließen? / Wie Fossil / Das gegen sich kämpft / Du weißt wir sind wild / und Dung genug / Wie wir unser ganzes wie-Wir handlaben (...)“ Diesmal eröffnete Bettina Hohoff die Diskussion. Die Einzelausführungen Piekars halte sie für sehr interessant, da sei vieles auf sehr gute Weise aneinandergeklebt, doch der große Zusammenhang der Gedichte sei noch nicht deutlich. Àxel Sanjosé setzte dem entgegen, Disparatheit sei ein Ausdruck für den ganzen Abend. Ihn hätten vor allem die Kalauer Piekars gestört; etwa „für die Katz“ in den Baudelaire huldigenden Katzengedichten.

Martin Piekar liest aus seinen "Baudelaires Katzen".

Florian Voß hob eine konstante Sprachhaltung hervor, drohte jedoch auch damit, an manche Wörter mit dem Rotstift herangehen zu wollen. Carl Christian Elze war etwas anderes aufgefallen: daß die typographischen Leerstellen in den optisch einander ähnelnden Gedichten Martin Piekars auch beim Sprechen zum Vorschein gekommen seien. Zum Schluß der Diskussion sagte die Moderatorin Christel Steigenberger, ihr gefielen im Allgemeinen Gedichte mit Mittelachse überhaupt nicht; Piekars Gedichte hätten sie dennoch berührt.


Die ehemalige Mitherausgeberin von BELLA triste, Maren Kames, trägt ihre Prosagedichte vor.

Nach einer Pause las die in Leipzig lebende Autorin Maren Kames: „(Luftbild) Am Horizont platzen die Abschiedssalven fallen hinten überm Tag zusammen und ein / aufgeregter Schwarm Vögel zieht blauschattig durch einen violetten Streifen Himmel und wir lächeln / fürs Mannschaftsbild und heben die Gläser zum Gruß in die Höhe (...)“ Leider erweckte Maren Kames mit ihren Nord- oder Ostseegedichten bei Bettina Hohoff den Eindruck, bei einem Lyrikwettbewerb fehl am Platze zu sein. Der Dichterin muss jedoch zugute gehalten werden, daß das eben angeführte erste Prosagedicht sich durch das Einhalten von zwei Höhen auszeichnet: Hebungen und Senkungen, weshalb es nach einer bestimmten Länge implodieren würde, wenn es wirklich Prosa wäre. Carl-Christian Elze, der als nächster das Wort hatte, hielt diese Gedichte denn auch sehr wohl für Lyrik, bescheinigte ihnen aber Schnoddrigkeit.

Ihrer Qualität ungeachtet habe er Schwierigkeiten mit diesen Texten. Ulrike Draesner habe einmal gesagt, ein Gedicht sei ein Trampolin, man springe höher und höher und endlich sehe man mehr als vom Boden aus. Bei Kames' Gedichten jedoch habe er dieses Erlebnis zu seinem Bedauern vermißt. Florian Voß stellte die „guten Versatzstücke“ heraus und auch die „handwerklich gute Arbeit“. Auch für Àxel Sanjosé handelte es sich um gediegenes Handwerk; er fügte hinzu, die Gedichte entbehrten jeglicher Rätselhaftigkeit. Danach breitete sich für eine Minute betretenes Schweigen aus. Die Länge dieses Schweigens war immerhin rätselhaft; ein Schuster hätte ins Literaturbüro hereinkommen und von Mystik schwärmen können.

Manuela Bibrach liest aus ihren
"Bio Topen".

Auch die nachfolgende Dichterin, Manuela Bibrach aus Dresden, die im letzten Jahr den Irseer Pegasus gewonnen hatte, trug Wattgedichte vor. „plötzen schlagen blasen bleien / grätenfleisch im schlicker / miesen muscheln schlammgrau / fäulnis algen platz für schwanen / paare und bakterien keine sicht /(...)“ Der Zyklus heißt „Bio Tope“. Im Anschluß an die Lesung der ziemlich kurzen Gedichte sprach Bettina Hohoff davon, daß auch der Lebensraum des Menschen ein Biotop sei; es handle sich um einen „modernen Naturalismus“. Carl Christian Elze gab an, er habe die Gedichte zu Hause laut gelesen und sei dabei in ein weitaus geschwinderes Tempo als die Autorin verfallen. Die Gedichte seien zwar voller Alliterationen und Binnenreime; am Ende jedoch habe er gedacht, sie seien nicht geglückt.

Es gehe die zweite Ebene ab. Florian Voß hingegen hielt Bibrachs Wattgedichte vom Klang her für wunderbar; allein, er habe allzu oft an Inger Christensen denken müssen, die durch die Angst, die man in den Sechziger und Siebziger Jahren vor dem Atomkrieg gehabt habe, jene zweite Ebene in ihre Gedichte gebracht habe. Àxel Sanjosé, der seine lexikalischen Mühen schilderte, sich die Pflanzen und Tiere des Watts mental anzueignen, sagte am Ende der Ausführungen, wenn man Bibrachs Gedichte auch als Lautgedichte lesen könne, so fehle ihnen doch der letzte Aufschwung.


Birgit Kreipe liest aus dem eingereichten Zyklus.

Als letzte Autorin las Birgit Kreipe, die dritte an diesem Abend aus Berlin kommende Dichterin. Die Schlußstrophe des ersten, als einziges nur aus Vierzeilern bestehenden Gedichts aus dem Zyklus: „nachts rücken die scheunen zusammen, werden zahm“: „(...) wo die apparaturen erblinden / zischeln vier winde. ich will nicht / ins trudeln geraten, die balance / die blauen luftschiffe, sie gehören zu mir.“ Àxel Sanjosé bescheinigte den anderen Gedichten Kreipes eine bloß „typographische Sonettform“. Daß das Pferdesonett ein Schweifsonett sei, verstehe er ja, weil Pferde einen Schweif hätten; bei den anderen Gedichten habe er jedoch nicht verstanden, warum Kreipe die Sonettform gewählt habe.

Florian Voß fügte hinzu, die Semantik sei wohl herausgearbeitet, aber er habe den fürs Sonett typischen Rhythmus vermißt. Carl Christian Elze dagegen war begeistert von Kreipes Gedichten. Sein schon vorher angeführtes Bild des Lyriklesers als Springer auf dem Trampolin wiederaufnehmend, versicherte er, bei Birgit Kreipes Gedichten habe er beim Höherspringen mehr gesehen als vorher vom Boden aus. Bilder könnten sich gegenseitig abschwächen; dies sei jedoch hier nirgends passiert. Während Bettina Hohoff die Frage der ersten beiden Kritiker aufgriff, wieso Birgit Kreipe an der starren Form des Sonetts festhalte, sagte Florian Voß, er habe sich beim Lesen der Gedichte gefragt, wo er diese guten Bilder schon einmal gelesen habe; er sei zu dem Schluß gekommen: nirgends. Sie seien neu, aber eben auch eingängig. Christel Steigenberger schloß die Diskussion mit den Worten ab: die leere Form des Sonetts bleibt stehen. Im Zusammenhang mit der Verwendung des Sonetts war auch das Wort „Kontrolle“ öfters gefallen; gemeint war: als Damm gegen die Bilderflut.


 
 
 

V.l.n.r. die Juroren Bettina Hohoff, Àxel Sanjosé, Florian Voß,
Carl-Christian Elze bei der Beratung. Fotos: Hilda Ebert

 

Am Ende einer zwanzigminütigen Beratung der Juroren gewannen drei ehedem nur knapp gescheiterte Wiederbewerber: Odile Kennel, Birgit Kreipe und Martin Piekar. Dadurch können sich die drei Autorinnen, die nicht gewonnen haben, ermutigt fühlen.

Hans-Karl Fischer


 
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